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Das Kabinett der Nacht
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Eine der restaurierten Papiertapeten im Kabinett der Nacht
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Das Kabinett des Tages
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Anette Scholtka, Leiterin der Abteilung Baudenkmalpflege der Kulturstiftung, erläutert die Restaurierung
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Medieninformation vom 16. März 2016

Chinoise Kabinette im Schloss Wörlitz komplett restauriert

Die Kulturstiftung DessauWörlitz präsentiert mit den beiden restaurierten chinoisen Kabinetten ein weiteres wichtiges Etappenziel bei der Wiederherstellung des Schlosses Wörlitz.


Mittel der Bundesrepublik Deutschland und des Landes Sachsen-Anhalt haben es erlaubt, das Kabinett für die Nacht – mit Mond und Sternen an der Zimmerdecke – und den Salon für den Tag – mit goldener Sonne und den vier schimmernden Drachen am strahlend blauen Himmel – in den vergangenen zwei Jahren umfassend zu erforschen und zu restaurieren. Nun ist ihre ursprüngliche Wirkung wieder erlebbar. Neben den kostbaren Tapeten und Deckenmalereien beeindruckt ihre funktionale Ausstattung mit Schlafgelegenheit in intelligenter Einbaumöbel-Manier, Ampeln für die Beleuchtung sowie Spiegeln und Farbholzschnitten für die optische Erweiterung der Räume.

Insbesondere die Untersuchung und die Restaurierung der beeindruckenden farbenfrohen chinesischen Tapeten mit den Vogel- und Pflanzenmotiven stellten eine Herausforderung dar.
Sie sind sehr wichtige Zeugnisse früher Verwendung chinesischer Papiertapeten in Europa. Gemeinsam mit den bisher wenig erforschten chinesischen Holzschnitten über den Spiegeln und Türen der Zimmer formen sie einen kunst- und kulturgeschichtlich hoch bedeutenden Raum.
Im Kabinett der Nacht bestehen die Tapeten, die über England nach Wörlitz gekommen waren, aus zartem chinesischen Reispapier. Die Druckmotive stammen nachweislich aus der Zeit um 1751. Einige Bahnen waren möglicherweise schon in anderen Häusern eingebaut, bevor sie den Besitzer wechselten.
Einst hatten die chinesischen Künstler unter anderem pflanzliche Farbstoffe verwendet, die über viele Jahrzehnte dem Licht ausgesetzt waren, sodass nur die weißen Untermalungen der Blüten erhalten geblieben sind. Der ursprünglich helle Fond der Bahnen ist dagegen nachgedunkelt, wodurch sich der originale Hell-dunkel-Kontrast der Darstellung teilweise umgekehrt hat. Ein unumkehrbarer Prozess. Weitere Schäden an den Tapeten sind Folge früherer Reparaturen, bei denen sie rückseitig mit Karton kaschiert worden sind. Dieses Verfahren hat sich als nachteilig erwiesen, weil durch die Spannungen zwischen Papier-, Leinwand- und Kartonschicht Risse aufgetreten sind. Zudem hatte der Leim farbliche Spuren hinterlassen. Die Tapeten wurden nun gereinigt, schonend auf einen gepolsterten Gitterrahmen (Karibari) gespannt und konserviert.
Der Salon des Tages ist mit kostbaren bemalten Seidentapeten ausgestattet. Es ist der einzige Raum im Schloss, in dem die empfindlichen Bahnen aus Seide erhalten geblieben sind. Vermutlich sind sie wegen ihrer wertvollen, von Hand gefertigten Malereien von Anfang an vor dem direkten Lichteinfall geschützt worden und deshalb nicht wie die anderen Tapeten zerfallen.

An der umfänglichen Restaurierung der beiden Kabinette waren ausschließlich Architekturbüros und Restauratoren aus Mitteldeutschland und Berlin beteiligt, darunter Restaurierungswerkstätten aus Kemberg und Rangsdorf in Sachsen-Anhalt, Erfurt, Großwechsungen und Haßleben in Thüringen und Leipzig in Sachsen sowie eine Tischlerei aus Wiesenburg.

Die Fertigstellung der beiden Kabinette und ihre Übergabe an die Öffentlichkeit ist einer der ersten Höhepunkte, den die Kulturstiftung DessauWörlitz im Rahmen des Jahresthemas „Baukunst – Klassizismus und Neugotik im Gartenreich Dessau-Wörlitz” begeht. Dabei folgt sie zugleich dem Leitspruch des Erbauers des Schlosses, Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau, der Bildung durch Anschauung praktizierte. Ihm ging es bei den chinesischen Zimmern nicht um eine Liebhaberei, die er aus dem Barock oder Rokoko aufgriff, sondern um ein zutiefst aufklärerisches Anliegen, nämlich die Wertschätzung alter und ferner Kulturen. Bereits seit der Zeit der jesuitischen Missionare im 17. Jahrhundert galt China als hochkultiviert und hochzivilisiert, das konfuzianische Staatswesen als vorbildlich.


Sanierung und Restaurierung des Schlosses Wörlitz

von 2000 bis 2017

Viele Jahre lang gefährdeten erhebliche Schäden das herausragende Architekturzeugnis. Insbesondere der Echte Hausschwamm und tierischer Befall hatten die Bausubstanz und damit verbunden auch die Innenarchitektur angegriffen. Mit Mitteln der Europäischen Union aus dem Kulturinvestitionsprogramm, der Bundesrepublik Deutschland und des Landes Sachsen-Anhalt wird das Schloss seit dem Jahr 2000 schrittweise restauriert. Aufwendige Arbeiten erfolgten bisher am Dach, an den Holzbalkendecken aller Etagen, im Souterrain und an der Fassade.

Allein in die Wiederherstellung der chinoisen Kabinette flossen in den vergangenen zwei Jahren 414.300 Euro aus dem Leuchtturmmittelprogramm, an dem der Bund und das Land beteiligt sind. Seit dem Jahr 2000 wurden bis dato insgesamt mehr als zehn Millionen Euro in die Wiederherstellung des Schlosses Wörlitz investiert. Bis zur geplanten Fertigstellung im Jahr 2022 werden noch etwa fünf Millionen Euro nötig sein, um insbesondere die Arbeiten in den Räumen abzuschließen und deren Innenausstattung inklusive der noch vorhandenen Möblierung zu komplettieren.

2000–2002
Deckensanierung über dem Obergeschoss mit Austausch der vom Echten Hausschwamm befallenen Deckenbalkenköpfe.

2002–2004
Sanierung des Dachgeschosses, der Dacheindeckung und der Geschossdecke über der Mezzaninebene. Dabei kam die traditionelle Zimmermannstechnik zum Einsatz. Die Eindeckung erfolgte wieder als Schieferdeckung. Zudem wurde das Glasdach des Lichthofes etwas angehoben, um ihn natürlich zu entlüften.

2004–2007
Sanierung der Geschossdecken des Belvedere mit der Balkenebene der Fußböden der Grünen Kammern, des Palmensaales und der Dachterrasse sowie der Fachwerkskonstruktion des Palmensaales. Außerdem wurden die Mezzaninräume baulich instandgesetzt.

2007–2009
Balkensanierung der Decken über dem Souterrain und dem Erdgeschoss. Dafür wurde auch das Tafelparkett der Fußböden des Erd- und Obergeschosses aufgenommen.

2008–2010
Sanierung des ausgebauten Tafelparketts der Erd- und Obergeschossdecken. Trockenlegung der gesamten Außenwände des Schlosses durch den Einbau einer Vertikalsperre bei parallel durchgeführten Entsalzungsmaßnahmen des Mauerwerks. Sanierung aller Räume des Souterrains bei gleichzeitiger Wiederherstellung des bauzeitlichen Grundrisses. Darüber hinaus wurden neue WC-Anlagen eingebaut.

2010–2012
Nach der baulichen Instandsetzung des Schlosses wurden die Raumfassungen der Räume des Belvedere und der Mezzaninebene sowie die Fassade inklusiver aller Bauteile wie Fenster, Portaltüren und Sandsteinelement restauriert. Außerdem wurden die sogenannten Neapel-Räume im Obergeschoss wiederhergestellt.

2013–2015
Sanierung des unterirdischen Ganges zum Küchengebäude, Restaurierung der Suiten des Obergeschosses, in denen die engere Hofgesellschaft wohnte, Restaurierung der chinesischen Zimmer im Erdgeschoss. Zu Letzteren gehörten die Wandfassungen mit Papier- und Seidentapeten, die chinesischen Holzschnitte, der Stuck, die Deckenfassungen, Beleuchtungsampeln, Einbauschränke und Wandklappbetten unterhalb der Fensterbrüstungen.

2016–2017
Abschließende Restaurierungsarbeiten in der Hauptetage inklusive des Festsaals, dem Hochparterre mit seinen vier Gästeapartments. Erstmals werden alle Räume des Schlosses vom Keller bis zum Belvedere für die Besucher zugänglich sein.

bis 2022
Einrichtung des Obergeschosses mit den restaurierten Möbeln, die aktuell noch im Depot stehen. Abschluss aller Arbeiten.


Das Schloss Wörlitz


Das Schloss ist 1769 bis 1773 unter dem Fürsten und späteren Herzog Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau (1740–1817) errichtet worden. Der Baumeister Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff (1736–1800) schuf mit diesem „Landhaus” den Gründungsbau des deutschen Klassizismus; ein wichtiger Grund für die Aufnahme des Gartenreichs Dessau-Wörlitz in die Welterbeliste der UNESCO.

Das Schloss stellt eine revolutionäre baukünstlerische Leistung dar. Nicht mehr ein dynamisch gegliederter barocker Baukörper mit geschwungenen Fassaden und reicher plastischer Dekoration beeindrucken den Betrachter, sondern das maßvolle Zierwerk sowie die klare Abgrenzung der einzelnen Bauteile, die die Wände als Flächen betont. Der Innenausbau ist im Vergleich zu zeitgleich entstandenen Herrschaftsbauten ebenfalls äußerst schlicht gehalten und vor allem funktional. Dazu gehörte, schon im Entwurf die modernen Standards für Wohnqualität, Bequemlichkeit und Hygiene für die Bewohner sowie die Erleichterung der Arbeitsabläufe für die Dienerschaft einzuplanen.

Für den Bauherrn war nicht die Repräsentation von Reichtum oder Macht wichtig, sondern die Vermittlung aktueller Erkenntnisse oder eigener Anschauungen und Informationen beispielsweise über andere Kulturen und damit die Erfüllung des Leitgedankens „Bildung durch Anschauung”. So spiegeln Ausstattung, Kunstwerke und Möbel der zwölf Zimmer des Erdgeschosses beispielsweise seine Grand Tour und weitere Reisen wider. Dazu zählen auch die beiden restaurierten chinoisen Kabinette. Bei ihnen ist der englische Einfluss deutlich zu bemerken. Hier hat von Erdmannsdorff Vorbilder des englischen Architekten Sir William Chambers (1723–1796) verarbeitet, der nach einer Chinareise ein umfangreiches Werk zu dieser Thematik veröffentlicht hatte.

Die originale Ausstattung des 18. Jahrhunderts ist wie in der Entstehungszeit noch heute jedem Schlossbesucher zugänglich und dürfte bei näherer Betrachtung bis heute nichts an Qualität und Aktualität eingebüßt haben.
 

Ansprechpartner der Kulturstiftung DessauWörlitz:

Fachkontakt: Annette Scholtka, Abteilungsleiterin Baudenkmalpflege der KsDW
Tel.: 03 49 05–609 14 // E-Mail: scholtka@ksdw.de

Medienkontakt: Maren Franzke und Nicole Krebs
Stabsstelle für Kommunikation & Service der KsDW
Tel.: 03 40–6 46 15 44
E-Mails: franzke@ksdw.de //krebs@ksdw.de